Die Praxis

In einer typischen Übungssitzung des Einsichtsdialogs beginnen die TeilnemerInnen mit einer Periode stiller Sitzmeditation und werden dann in Paare oder größere Gruppen eingeladen, um gemeinsam zu üben. Im Einsichtsdialog werden Weisheit und Mitgefühl in Balance kultiviert.

Sechs Meditationsanweisungen oder Richtlinien bilden den Kern der Einsichtsdialog-Praxis – Innehalten, Entspannen, Öffnen, sich Einstimmen auf das Entstehen, Tiefes Zuhören und Sprechen der Wahrheit. Die Richtlinien dienen als Grundlage, um meditative Geistesqualitäten in die Praxis einzubringen.

Während die Praktizierenden gemeinsam meditieren, reflektieren sie, unterstützt durch die Richtlinien, über Themen, die eine direkte und gründliche Untersuchung der Natur, der Ursachen und der Befreiung von menschlichem Leiden fördern.

Die Kontemplationsthemen im Einsichtsdialog reichen von der direkten Wahrnehmung von Sinneserfahrungen (z.B. angenehmen und unangenehmen Empfindungen im Körper) bis hin zu inhaltsreicheren Lehren wie den drei Merkmalen (Unzulänglichkeit, Vergänglichkeit und Nicht-Selbst) oder den „göttlichen Verweilungen“ von liebender Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. Diese Lehren werden nicht abstrakt diskutiert, sondern vielmehr in der Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks erforscht. Auf diese Weise helfen der Beziehungskontakt und die meditativen Qualitäten des Geistes, die grundlegenden Weisheitslehren in die gelebte Erfahrung zu bringen, hier und jetzt.

Der Einsichtsdialog wird in einer Vielzahl von Kontexten gelehrt und praktiziert – in Retreats, ganztägigen Workshops, in lokalen Praxisgruppen  und online per Videokonferenz.

Die Richtlinien/Anleitungen

Wie in der traditionellen stillen Meditation ist auch in der Praxis des Einsichtsdialogs die Kultivierung der Erwachensfaktoren einschließlich, aber nicht beschränkt auf,  Achtsamkeit, Ruhe und Sammlung, grundlegend.

Die sechs Richtlinien des Einsichtsdialoges dienen als primäre Unterstützung für die Kultivierung dieser meditativen Geistesqualitäten. Sprache und Beziehung können uns in gewohnte Arten der Interaktion und Reaktion hineinziehen. Die Richtlinien – Innehalten, Entspannen, Öffnen, sich einstimmen auf das Entstehen, Tiefes Zuhören und Sprechen der Wahrheit – nehmen die Form einfacher Worte an, die vergegenwärtigt werden können, um das meditative Bewusstsein zu fördern, selbst wenn wir den Anforderungen des Sprechens und Zuhörens begegnen.

Die Kurzbeschreibungen auf dieser Website führen Sie in die Richtlinien ein. Zusammengenommen bieten sie eine wesentliche Unterstützung für das Erwachen inmitten der vielfältigen Herausforderungen und Geschenke der zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie fördern auch die Stabilität des Geistes, die erforderlich ist, um sich tief auf die in den Kontemplationen angebotenen Weisheitslehren einzulassen.

Innehalten im Einsichtsdialog

Temporäres Innehalten; Herausgehen aus gewohnheitsmäßigen Gedanken und Reaktionen in die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks; Achtsamkeit.

Innehalten ist „eine vorübergehende Unterbrechung“. Wenn wir innehalten, also eine Pause einlegen, hören wir vorübergehend mit dem auf, was wir tun, sagen oder denken, und verlagern unsere Aufmerksamkeit auf die unmittelbaren Erfahrungen. Wir erinnern uns daran, zu bemerken, wie dieser Moment ist, zu fragen „Was ist das? … Wie ist es jetzt?“

Das Innehalten soll das Festhalten unterbrechen – die Neigung des Körper-Geistes, alles zu ergreifen oder wegzuschieben, was die Sinnestore von Klang, Berührung, Geruch, Geschmack und Gedanken berührt. Wir halten inne, weil das Unterbrechen automatischer Gewohnheiten entscheidend für jede Verhaltensänderung ist und damit auch für einen Weg, der den Herz-Geist befreien soll. Um die Möglichkeit zu haben, etwas anders zu machen, müssen wir die Dynamik der konditionierten Tendenzen stoppen, die typischerweise unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen antreiben. Ohne Bewusstsein und Wahl kann es keine sinnvolle Veränderung geben. Deshalb lautet die erste Leitlinie des Einsichtsdialoges Innehalten.

Wie in der individuellen stillen Praxis wird das durch das Innehalten eingeladene gegenwärtige Augenblicksbewusstsein am leichtesten dadurch gefunden, dass man Empfindungen im Körper wahrnimmt, z.B. die Aufmerksamkeit auf den Atem richtet, den Kontakt der Unterlage oder an den Füßen wahrnimmt. In der zwischenmenschlichen Praxis kann der gegenwärtige Moment auch dadurch gefunden werden, dass man auf das achtet, was man sieht und hört (z.B. auf das Gesicht und/oder die Stimme des Meditationspartners).

Entspannen im Einsichtsdialog

Einladung zur Beruhigung von Körper und Geist; Annehmen aller Empfindungen, Gedanken und Gefühle, die vorhanden sind; Akzeptanz.

Wenn wir mit anderen zusammen sind, erwischt uns das Innehalten oft in gewohnheitsbedingten Gedanken oder emotionalen Reaktionen. Wenn wir uns entspannen und akzeptieren, können die Gewohnheitsmuster unterbrochen werden. Gedanken und Dränge können erkannt und betrachtet werden, anstatt dass wir unabhängig von ihren Folgen reflexartig handeln.

Die erste Ebene des Entspannens lädt dazu ein, alle Spannungen in Körper und Geist zu lösen, die wir willentlich lösen können. Häufige Orte, an denen Spannungen gefunden und gelöst werden können, sind die Augen, die Kiefer, die Schultern und der Bauch. Beispiele für Spannungen im Geist sind Erregung, Aufregung, Reaktivität und das Festhalten an Ideen oder Emotionen, zusammen mit der Aktivität und dem Vorwärtsdrang, die sich aus einem geschäftigen Leben ergeben. Wir bringen Achtsamkeit in jene Körperteile, in denen wir Spannungen feststellen, und lassen, wo immer möglich, zu, dass sich die Spannung entspannt, indem wir den Körper dazu einladen, loszulassen, nicht zu kämpfen oder sich zu wehren, sondern eher weich zu werden, nachzugeben. Wir laden auch zu einer Beruhigung ein, zu einer Beruhigung des Herz-Geistes.

Oftmals können Spannungen im Körper-Geist nicht vollständig gelöst werden. Deshalb besteht die zweite Ebene des Entspannens darin, alle Empfindungen, Emotionen oder Gedanken zu akzeptieren – anzunehmen und die Dinge so zu lassen, wie sie sind, auch wenn sie nicht angenehm sind.

Wenn Spannung vorhanden ist, entsteht Unbehagen, das uns weniger bereit machen kann, mit Erfahrungen in Kontakt zu bleiben, umso mehr, wenn diese Erfahrungen in irgendeiner Weise unangenehm sind. Die Einladung, sich zu entspannen und anzunehmen, kann daher die Fähigkeit erhöhen, die Dinge zu kennen und mit ihnen zu verweilen, wie sie sind. Entspannen erhält die Achtsamkeit.

Öffnen im Einsichtsdialog

Ausdehnung der Achtsamkeit vom Inneren auf das Äußere; Räumlichkeit; reift zur Einbeziehung des beziehungshaften Moments; Gegenseitigkeit.

Mit Öffnen dehnen wir das Bewusstsein und die Akzeptanz, die im Innehalten und Entspannen gepflegt werden, über die Grenzen unserer eigenen Haut hinaus aus und beziehen andere Menschen und die Umwelt mit ein. Innerlich fokussiert, betont Achtsamkeit die Wahrnehmung dieses Körpers, dieser Gedanken, dieser Emotionen. Äußerlich erweitert, schließt Achtsamkeit die Welt ein, die wahrgenommen wird und auf die reagiert wird: die physische Welt und das Aussehen, die Worte und die Handlungen anderer. Achtsamkeit, die sowohl nach innen als auch nach außen gerichtet ist, weist auf die Beziehung selbst hin, wie sie sich zwischen uns und anderen manifestiert. Das Subjekt – ich und das Objekt – du oder es, sind im beziehungshaften Moment miteinander verbunden. Wir sind uns dessen bewusst, was Martin Buber „das Dazwischen“ nannte, den unaufhörlichen Fluss des Selbst und der anderen.

Öffnen kann durch eine Reihe von Schritten kultiviert werden, beginnend mit dem Bewusstsein und der Empfänglichkeit für innere Erfahrungen, die im Innehalten und Entspannen kultiviert werden. Dieses Bewusstsein wird stabilisiert, indem man sich auf einen bestimmten Bereich des Körpers konzentriert und dann ausdehnt, um den ganzen Körper mit freundlichem Bewusstsein zu füllen. Zum Öffnen erlauben wir diesem Gewahrsein, sich über die Hülle der Haut hinaus auszudehnen, indem wir einen erweiterten Hörsinn wahrnehmen und dann sanft die Augen öffnen, um das Gesichtsfeld mit einzubeziehen. Wenn wir vor einem Meditationspartner sitzen, werden wir ermutigt, die Qualität des weichen und allgemeinen Sehens beizubehalten. Wenn sich der Körper-Geist in diesem Beziehungskontakt entspannt, kann sich das Bewusstsein mit dem spezifischen Anderen, der vor einem sitzt, niederlassen. Dieselbe Art von annehmender, achtsamer Bewusstheit, die unserem eigenen Körper-Geist innerlich angeboten wurde, umfasst nun auch den anderen.

Die im Öffnen kultivierte Ausdehnung der Achtsamkeit auf die Welt außerhalb unserer selbst öffnet die Tür zur Gegenseitigkeit: Sie ist die Grundlage für zwischenmenschliche Meditation.

Sich auf das Entstehen einstimmen im Einsichtsdialog

Ohne Agenda in den Beziehungsmoment eintreten; sich der Unbeständigkeit von Gedanken und Gefühlen bewusst sein; der Erfahrung erlauben, sich zu entfalten, im Wissen, dass sie nicht unter der eigenen Kontrolle steht; „weiß nicht“ Verstand.

Emergenz (das Entstehen) ist der Prozess, durch den die komplexen Dinge, die wir erleben, entstehen und vergehen, und zwar als Ergebnis zugrunde liegender beitragender Faktoren, die sich unserer Kontrolle entziehen. Einstimmen bedeutet, dieser Instabilität sensibel beizuwohnen und präsent zu sein. Die Leitlinie Auf das Entstehen einstimmen ist eine Einladung, die Vergänglichkeit selbst zum Gegenstand der Praxis zu machen, sich auf das Aufsteigen und Verschwinden der Erfahrung einzustimmen. Sie ermutigt uns, in den „weiß-nicht-Verstand“ einzutreten und uns an den Rand dessen zu stellen, von dem wir nicht wissen, was als Nächstes geschehen wird, sei es innerlich oder in der Beziehung.

Sich auf das Entstehen einzustimmen, unterstützt uns dabei, die Dinge so zu sehen, wie sie sind – instabil, auftauchend, ständig im Erscheinen und Verschwinden begriffen. Es fordert die Neigung des Geistes heraus, die Welt einzufrieren, um sie vorherzusagen und zu kontrollieren. Es kann auch das Leid hervorheben, das sich daraus ergibt. Wie die stille Meditation schnell offenbart, wissen wir nicht, welcher Gedanke als nächstes in unserem Geist auftauchen wird. Deshalb können wir sicherlich nicht wissen, was im Geist eines anderen auftauchen wird. Zu glauben, wir könnten vorhersagen, was in einem bestimmten Gespräch auftauchen wird, ist eine Torheit, die ihren Preis hat. Vorhersage erfüllt uns eher mit Vermutungen als mit der Wahrheit. Statt andere zu erleben, erleben wir unsere eigenen Projektionen, und das Potenzial und die Subtilität des Entstehens gehen verloren.

Die Sinne sind das Tor zum Erkennen der Vergänglichkeit. So wie der Körper der feste Boden des Innehaltens ist, sind die sich ständig verändernden Empfindungen der zuverlässigste Weg, sich wieder mit dem Auftauchen zu verbinden. Dies kann direkt im Körper erfahren werden, indem man die wechselnden Körperempfindungen ins Bewusstsein rückt. Wir können auch ein Bewusstsein für Veränderungen in der natürlichen Welt und in unserem eigenen Leben schaffen, indem wir auch bemerken, wie viele davon sich unserer Kontrolle entziehen.

Tief zuhören im Einsichtsdialog

Aufmerksames Zuhören, mit einem Bewusstsein, das entspannt und offen ist; reift zu ungehinderter Empfänglichkeit für die sich entfaltenden Worte, Emotionen und die Gegenwart eines anderen.

Innehalten – Entspannen – Öffnen – schafft die Voraussetzungen dafür, im gemeinsamen, auftauchenden Moment voll präsent zu sein, und damit wiederum das Potenzial, aus dem Bewusstsein heraus zuzuhören und zu sprechen. Ohne sorgfältige Beachtung der meditativen Qualitäten verbinden uns Worte mit Konzepten und Emotionen, die Achtsamkeit und Konzentration stören können. Aber mit meditativer Bewusstheit hat der geschickte Sprachgebrauch, der mit den Richtlinien Tiefes Zuhören und Sprechen der Wahrheit etabliert wurde, das Potenzial, das Dhamma direkt in unsere gelebte Erfahrung hier und jetzt zu tragen. Dies gilt heute genauso wie zur Zeit des Buddha.

Tiefes Zuhören bedeutet, mit einem freundlichen Gewahrsein zuzuhören, voll präsent und empfänglich für das Angebot des Sprechers. Es ist Zuhören mit der Großzügigkeit der Geduld, unbeeindruckt von der persönlichen Tagesordnung. Wir tun dies, indem wir Innehalten, Entspannen und Öffnen üben. Wir müssen unser Zuhören nicht durch einen internen Dialog darüber unterbrechen, wie wir darauf reagieren könnten, wobei wir besonders auf die Worte des Redners achten. Mit dem tiefen Zuhören erkennen wir den Wert des Beobachtens unserer internen Erfindungen der Geschichten anderer an, um sie zu verstehen und uns in sie einzufühlen. Wir kultivieren jedoch auch die Fähigkeit, eine nicht identifizierte Achtsamkeit des Körpers, der Emotionen und Gedanken wieder herzustellen. Dadurch können wir auch dann eine geerdete Präsenz aufrechterhalten, wenn Geschichten fesselnd oder Beziehungen emotional aufgeladen sind.

Die Wahrheit sprechen im Einsichtsdialog

Artikulation der Wahrheit der eigenen subjektiven Erfahrung mit Achtsamkeit; Unterscheidung dessen, was inmitten des Universums der Möglichkeiten gesagt werden soll; reift zu einer akuten Sensibilität für die Stimme des Augenblicks, die durch den Praktizierenden „spricht“.

Die Wahrheit sprechen fließt aus den anderen Richtlinien des Einsichtsdialoges heraus. Sie beruht auf der Achtsamkeit des Innehaltens. Sie stabilisiert sich mit dem Entspannen. Sie engagiert sich beziehungsmäßig mit Öffnen und gewinnt Flexibilität mit Einstimmen auf das Entstehen.

Im Einsichtsdialog bedeutet, die Wahrheit zu sprechen, so gut wir können, die subjektive Wahrheit unserer inneren Erfahrung in Worte zu fassen. Sowohl Achtsamkeit als auch Unterscheidungsvermögen sind wesentlich, um die Wahrheit zu sprechen. Wir wissen, dass Erfahrung durch Achtsamkeit in der Frage „Was ist jetzt wahr?“ lebt. Durch die Anwendung von Unterscheidungsvermögen erreichen wir nur das, was nützlich ist, nicht mehr. Wenn wir die Wahrheit sprechen, ändert sich das, was wahr ist und gesprochen werden soll, während wir sprechen, und es entwickelt sich in jedem Innehalten, während sich die subjektive Erfahrung entfaltet.

Das Sprechen bringt eine Fülle von Gewohnheiten mit sich, wie wir denken und wie wir mit anderen Menschen umgehen. Wenn wir beim Sprechen Achtsamkeit walten lassen, werden diese Gewohnheiten aufgedeckt und ihre Befreiung ermöglicht. Das Sprechen in die Meditation zu bringen, schlägt eine Brücke zwischen der Praxis der stillen Meditation und dem Alltagsleben und macht die Früchte der formalen Praxis und des Dhamma-Studiums dort verfügbar, wo wir uns mit der Welt beschäftigen. Das Sprechen in Meditation kann auch dazu beitragen, der Tendenz entgegenzuwirken, Meditation als Vehikel zu benutzen, um schwierige Aspekte der menschlichen Erfahrung zu umgehen oder zu vermeiden, indem man sich in der Stille und Abgeschiedenheit der traditionellen Praxis versteckt.

Einsichtsdialog – Weisheit – Mitgefühl

Gregory Kramer

Dr. phil., Mitbegründer und Präsident der Metta Foundation, lehrt Vipassana seit den 80er Jahren. Er hat die Methode des „Einsichts-Dialogs“ entwickelt und vermittelt diese, hauptsächlich in Retreats, seit 1995 in den USA, Asien, Europa und Australien. Er ist Autor des Buchs „Insight Dialogue“ („Einsichtsdialog“ im Arbor Verlag). Auf der Seite www.metta.org findet man weiterführende Informationen, Text- und Audiomaterial von Gregory Kramer und anderen LehrerInnen sowie Veranstaltungshinweise für Online-Vorträge und Retreats weltweit.